×

Faserspuren bei fünf Arbeiten von Karin Hueber

Hook (Subjoinder), 2017
Pulverbeschichtetes Metall, Elastan

Seat (to fit like a glove), 2013
Pulverbeschichtetes Metall, viskoelastischer Schaumstoff, Elastan-Jeans, Rollen

Obstacles, 2014
Bemaltes Sperrholz, Schaumstoff, Polypropylen, lackierter Temperguss, pulverbeschichteter Stahl

Ohne Titel (coco rug), 2011
Kokusnussteppich

Ohne Titel (assimilated being) 2011
Gekleistertes, hautfarben bemaltes und lackiertes Papier, Chromstahlstange


Text
Mario Pellin

Faserspur 1
Im Grunde ist das eine Element bei der Arbeit Hook (Subjoinder) einfach ein Stück Stoff, das über ein gebogenes Metallrohr gespannt und gewickelt ist. Aber was heisst denn ein Stück Stoff? Das könnte auch auf einen Schottenrock zutreffen, oder auf eine bandiera für Juventus Turin, oder auf manch anderes.
Genauer betrachtet ist es ein weisses Stück Stoff, vielleicht sprechen wir besser von einem weissen Textil? Ein textiles Element also, dessen Form durch das Metallrohr definiert wird, aber auch durch die eigenen Eigenschaften, denn das Textil ist sichtlich elastisch. Das zeigt sich an seinen gedehnten Falten, dort wo es um das Rohr geschlungen wurde. Und an der eigenwillig gespannten Kurve auf der Innenseite des Bogens mit einem plötzlichen Knick, wo es über den violetten Metallhacken gehängt ist. Dehnbar, elastisch, anpassungsfähig. Die Angabe zum Werk führt Elastan als Material auf, also eine synthetische Faser, die auch unter anderen Markenbezeichungen wie Lycra, Spandex usw. bekannt ist. Chemisch umschrieben handelt es sich um ein Copolymer, d. h. eine Zusammensetzung aus den beiden erdölbasierten Kunststoffen Polyester und Polyurethan. Dieses Kunststoffgemisch wird zu Fasern verarbeitet, indem es mit einem Lösungsmittel in einen zähflüssigen Zustand gebracht wird und so durch die feinen Öffnungen einer Spinndüse gepresst werden kann. Bildlich vorstellen kann man sich diesen Vorgang durch den Vergleich mit einer Pastamaschine, die Spaghetti herstellt. Da beständig neues Ausgangsmaterial gelöst und nachgeschoben werden kann, entsteht aus dem erweichten Kunststoff ein Bündel von Endlosfasern, sogenannten Filamenten, die nach der Düse abgekühlt und schliesslich aufgewickelt werden.
Textilien aus Lycra-, Elastan- oder Spandexfasern kommen vorwiegend für Sport- oder Tanzbekleidung zum Einsatz, da sich bereits die Faser selbst durch hohe Elastizität und Festigkeit auszeichnet. Die Endlosfasern werden zu Gewirken verarbeitet, d. h. sehr fein gestrickte Maschenware (Trikot), die ihrerseits im Vergleich zu gewebten Textilien viel dehnbarer sind.
Wenn wir mit diesen Hintergrundinformationen wieder auf die Arbeit Hook (Subjoinder) schauen, können wir genau diese Eigenschaften in den Details des weissen Textils erkennen und nachvollziehen, welchen Beitrag das Material und seine Verarbeitungstechniken leisten.

Faserspur 2
Ändert man die chemische Zusammensetzung, sozusagen das Rezept, oder die Verarbeitungstechnik, entsteht ein Textil mit anderem Charakter. Der im Werk Seat (to fit like a glove) verwendete Bezugsstoff wird als Elastan-Jeans angegeben. Die Begriffe Jeans oder Denim bezeichnen eine gewebte Textilbindung, bei der die stabileren Kettfäden (vertikal) indigoblau gefärbt sind. Die weicheren und ungefärbten Schussfäden (horizontal) verleihen dem Gewebe eine gewisse Formbarkeit und den typischen Jeans-Farbton. Beim Elastan-Jeans wird das Gewebe mit einer elastischen weissen Copolymerfaser (aus Polyurethan und Polyester, s. o.) als Schussfaden für sogenannte Stretch-Jeans hergestellt. Als Sitzbezug weist Elastan-Jeans also eine spürbare Elastizität auf und spielt auch mit dem darunter verdeckten, sogenannten viscoelastischen Schaumstoff zusammen. Dieser besteht wiederum aus einer anderen Rezeptur mit dem elastischen Kunststoff Polyurethan. Bei der Herstellung wird die zähflüssige Kunststoffmasse mit einem Treibmittel aufgeschäumt und in diesem Zustand abgekühlt und ausgehärtet. Die Besonderheit eines viskoelastischen Schaumstoffs ist, dass er bei Belastung die prägende Form annimmt, aber im Gegensatz zu anderen Schaumstoffen nur sehr langsam und verzögert in seinen ursprünglichen Zustand zurückkehrt. Eingesetzt wird dieser Schaumstoff für orthopädische und medizinische Matratzen und Unterlagskissen, dient aber auch zur Schallabsorption und -dämpfung.

Faserspur 3
Eine andere synthetische Faser finden wir in der Arbeit Obstacles. Die blauen, äusserst reissfesten Bänder werden üblicherweise als Spanngurte bei Transporten verwendet. Als Ausgangsmaterial dient Polypropylen, welches wiederum zu Filamenten gesponnen wird. Die Endlosfasern sind hier jedoch nicht elastisch, sondern stark und stabil. Zu sehr dichten Bändern gewebt haben die endlosen Fasern den Vorteil, dass sie über die ganze Länge der Bänder verlaufen können und so gut wie keine Anfänge und Enden ins Gewebe einbringen. Dies im Gegensatz beispielsweise zu pflanzlichen und tierischen Fasern, welche in der Länge begrenzt sind. Für die Baumwollfäden des Jeans-Spandexs von Seat oder des Seils von Lâcher müssen die losen, maximal 60 mm langen Baumwollfasern erst miteinander zu einem stabilen Garn verdreht werden, dessen Stabilität jedoch nie an ein Garn aus Endlosfäden heranreichen kann. Unter dem Mikroskop verglichen sind bei den Baumwollfäden die abstehenden Enden sichtbar, was dem textilen Endprodukt einen flauschigeren Griff verleiht, während die Polypropylenbänder sehr kompakt erscheinen und sich glatt anfühlen.

Faserspur 4
Kokosfasern lassen sich im Gegensatz zu Baumwolle weniger gut verarbeiten. Die um die Kokosnuss herum wachsenden Fasern sind zwar mit 15 bis 30 cm beträchtlich länger, aber da sie stark verholzt sind auch umso dicker und steifer. So lassen sich keine Garne, sondern höchstens Schnüre und Seile herstellen, die rau sind, aber eine hohe Stabilität und Beständigkeit aufweisen. In der Installation Ohne Titel (coco rug) sind die Kokosfasern flächig eingesetzt, jedoch nicht als Geflecht oder Gewebe, sondern als sogenannte Brossematte. Wie bei einer riesigen flächigen Bürste stehen die kurz geschnittenen Fasern wie Borsten vertikal ab und bilden mit ihren Enden eine kratzige Oberfläche. Für einen Zusammenhalt müssen die losen Fasern mit einem anderen Material, hier synthetischer Kautschuk, verklebt werden. Dieser verhindert zudem ein Rutschen der Matte. So sind die beiden Seiten der Matte in der Funktion klar unterschieden, bilden in ihrer ästhetischen Wirkung als Oberflächen in der Installation jedoch ein spannendes Gegenüber.

Faserspur 5
Für die Herstellung von Papier werden Zellulosefasern verwendet, die meist aus günstigen Nadelhölzern, vermehrt aber auch aus Bambus gewonnen werden. Zeitungsdruckpapier besteht grösstenteils aus rezykliertem Altpapier. Die in Wasser aufgeschwemmten Recyclingfasern werden auf Langsiebmaschinen durch Abfiltern auf einem umlaufenden Siebband zu einer stabilen Bahn geschöpft. Grundsätzlich sind dazu keine Klebstoffe nötig, da die kurzen Fasern aufgrund ihrer aufgerauten und faserigen Oberfläche während des Herstellungsprozesses verfilzen und dadurch ein stabiles flächiges Vlies bilden. Papiere für Druckerzeugnisse werden aber meist nach der Trockenpresse noch mit einem Leimauftrag versehen und geglättet, um die abstehenden Fasern zu bändigen und somit ein besseres Druckergebnis erzielen zu können.
Das Papier, das für die Arbeit Ohne Titel, assimilated being zusammengefaltet und verkleistert wurden, weist beachtliche Dimensionen auf. Das verwendete Zeitungspapier wird auf der weltweit grössten Papiermaschine produziert, mit 10 Metern Bahnbreite und einer Gesamtlänge von 10 Kilometern pro Rolle.


Autor:
Mario Pellin, Kunsthistoriker lic. phil. I und dipl. Innenarchitekt FH,
arbeitet hauptzeitlich im Gewerbemuseum Winterthur für Wechselausstellungen sowie die Schau- und Studiensammlung Material-Archiv.
www.gewerbemuseum.ch

 

Text anlässlich des Booklaunchs von Cahiers d'artistes, Pro Helevtia, 2017